Der World Nuclear Industry Status Report 2026 zeigt eine Kernenergiebranche im Spannungsfeld zwischen Rekordstromerzeugung, steigender politischer Unterstützung und anhaltenden Herausforderungen bei Neubauprojekten. Während insbesondere China und Russland ihre industriellen Kapazitäten ausbauen, droht Europa trotz vorhandener Kompetenzen weiter an Bedeutung zu verlieren. Für KernD ist deshalb entscheidend, welche industriepolitischen Konsequenzen aus dieser Entwicklung gezogen werden. Denn die Zukunft der europäischen Kerntechnik hängt nicht allein von politischen Ausbauzielen ab, sondern davon, ob es gelingt, Investitionen zu ermöglichen, Lieferketten zu stärken und kerntechnisches Know-how langfristig zu sichern.
Ein Kommentar von Kerntechnik Deutschland e.V. (KernD) zum World Nuclear Industry Status Report 2026
2.703 Terawattstunden Strom wurden 2025 weltweit aus Kernenergie erzeugt. So viel wie noch nie. Gleichzeitig sank ihr Anteil an der globalen Stromerzeugung auf 8,8 Prozent. Beide Zahlen stehen im aktuellen World Nuclear Industry Status Report 2026 (WNISR) und beschreiben eine Branche, deren Entwicklung widersprüchlicher erscheint, als sie tatsächlich ist.
Der Bericht liefert eine umfangreiche Bestandsaufnahme der internationalen Kernenergiewirtschaft. Seine Autoren kommen zu einem skeptischen Urteil über deren Wachstumsperspektiven. Die Zahlen verdienen Aufmerksamkeit, auch wenn man die daraus gezogenen Schlussfolgerungen nicht in jeder Hinsicht teilen muss.
Tatsächlich stehen einer weltweit wachsenden politischen Unterstützung bislang vergleichsweise wenige neue Reaktoren gegenüber. 2025 wurden vier Anlagen erstmals ans Netz angeschlossen, sieben wurden endgültig stillgelegt. Zugleich übertraf die weltweite Solarstromerzeugung erstmals die Stromproduktion aus Kernenergie. Auch der Ausbau von Batteriespeichern gewinnt erheblich an Geschwindigkeit.
Diese Entwicklungen zu relativieren, wäre wenig hilfreich. Sie werfen vielmehr Fragen auf, die sich die Kerntechnikindustrie stellen muss: Warum kommen Projekte so langsam voran? Weshalb steigen Kosten und Bauzeiten? Und welche Voraussetzungen fehlen, damit aus politischen Ausbauzielen tatsächlich Kraftwerke werden?
Die internationale Entwicklung zeigt, was Europa zu verlieren droht.
Mitte 2026 befanden sich laut WNISR weltweit 73 Reaktoren im Bau, davon allein 37 in China. Besonders bemerkenswert ist eine weitere Zahl: Von den 52 weltweit begonnenen Reaktorbauprojekten zwischen 2020 und 2025 wurden 51 durch chinesische oder russische staatlich kontrollierte Unternehmen realisiert.
Dahinter stehen über Jahrzehnte aufgebaute industrielle Strukturen, eingespielte Lieferketten, qualifizierte Fachkräfte und staatlich unterstützte Investitionsbedingungen. Wer regelmäßig baut, erhält Produktionskapazitäten, sammelt Erfahrungen und kann Prozesse verbessern.
Europa verfügt weiterhin über erhebliche kerntechnische Kompetenzen. Zahlreiche Unternehmen sind international in Planung, Komponentenfertigung, Brennstoffversorgung, Betrieb, Modernisierung und Entsorgung tätig. Allerdings lassen sich diese Fähigkeiten nicht beliebig lange ohne entsprechende industrielle Perspektiven erhalten.
Der Verlust von Fertigungskompetenzen, qualifiziertem Personal und spezialisierten Zulieferern lässt sich nur mit erheblichem Aufwand rückgängig machen. Der WNISR sollte deshalb auch als Warnsignal für die europäische Industriepolitik verstanden werden.
Die Wirtschaftlichkeit entscheidet sich nicht allein am Kraftwerkszaun.
Der Bericht dokumentiert erhebliche Kostensteigerungen und Verzögerungen bei verschiedenen Neubauprojekten. Diese Schwierigkeiten sind real und müssen in künftigen Vorhaben berücksichtigt werden.
Ein wirtschaftlicher Vergleich verschiedener Erzeugungstechnologien verlangt allerdings mehr als die Gegenüberstellung einzelner Stromgestehungskosten. Ebenso relevant sind die Verfügbarkeit zum Zeitpunkt des Bedarfs, Netzausbau, Speicher, Flexibilitätsoptionen und die langfristigen Anforderungen eines zuverlässigen Stromsystems.
Für Kernkraftwerke gehören selbstverständlich auch Finanzierungskosten, Bauzeiten, Sicherheitsanforderungen, Entsorgung und Rückbau in eine solche Betrachtung. Der Nutzen einer Technologie muss unter den Bedingungen des jeweiligen Energiesystems bewertet werden.
Bei Small Modular Reactors wird sich zeigen, ob Europa seine Ambitionen industriell umsetzen kann.
Die kritische Betrachtung kleiner modularer Reaktoren im WNISR verdient besondere Aufmerksamkeit. In Kanada befindet sich mit dem BWRX-300 ein westliches SMR-Projekt im Bau. Innerhalb der Europäischen Union hat dagegen noch kein entsprechender Neubau begonnen.
Die wirtschaftlichen Vorteile einer modularen Serienfertigung sind bislang nicht im kommerziellen Maßstab nachgewiesen. Sie setzen standardisierte Designs, wiederholbare Fertigungsprozesse und ausreichend große Auftragsvolumina voraus.
Daraus folgt allerdings nicht, dass diese Vorteile unerreichbar wären. Vielmehr beschreibt der Befund die Aufgaben, die vor einer erfolgreichen Markteinführung gelöst werden müssen.
Interessanterweise benennt der WNISR selbst die Finanzierung, die Gewinnung von Investoren und langfristige Stromabnahmeverträge als wesentliche Voraussetzungen für europäische SMR-Projekte.
Europa benötigt daher belastbare Referenzprojekte, planbare Genehmigungsverfahren und geeignete Finanzierungsmodelle. Die European Industrial Alliance on SMRs bietet dafür einen wichtigen Rahmen. Ihr Erfolg wird sich daran messen lassen müssen, ob aus Entwicklungsprojekten konkrete Investitionsentscheidungen und industrielle Aufträge entstehen.
Für Deutschland steht mehr auf dem Spiel als die Frage eigener Kernkraftwerke.
Die deutsche Kerntechnikindustrie ist seit Jahrzehnten Teil internationaler Wertschöpfungsketten. Ihre Unternehmen und Forschungseinrichtungen verfügen über Kompetenzen, die für bestehende Kernkraftwerke ebenso benötigt werden wie für Neubauprojekte, innovative Reaktorkonzepte, Stilllegung und Entsorgung.
Diese Fähigkeiten haben einen wirtschaftlichen Wert, unabhängig von der gegenwärtigen Nutzung der Kernenergie zur Stromerzeugung in Deutschland.
KernD setzt sich deshalb für verlässliche industriepolitische Rahmenbedingungen, den Erhalt kerntechnischer Qualifikationen, internationale Kooperationen und faire Wettbewerbsbedingungen bei der Exportfinanzierung ein. Dazu gehören auch der Erhalt technischer Regelwerke und die aktive Mitgestaltung europäischer Standards.
Die internationale Nachfrage allein garantiert deutschen Unternehmen noch keine Marktanteile. Ohne kontinuierliche Investitionen, Nachwuchsförderung und Zugang zu internationalen Projekten droht die industrielle Basis schrittweise zu erodieren.
Aus der Bestandsaufnahme müssen Konsequenzen folgen.
Der World Nuclear Industry Status Report 2026 macht deutlich, wie groß die Lücke zwischen energiepolitischen Absichtserklärungen und industrieller Umsetzung weiterhin ist. Diese Lücke wird sich weder durch optimistische Ankündigungen noch durch grundsätzliche Zweifel an der Technologie schließen.
Erforderlich sind realistische Projektplanungen, tragfähige Geschäftsmodelle und politische Rahmenbedingungen, die langfristige Investitionen ermöglichen.
Auch der beeindruckende Ausbau erneuerbarer Energien ändert nichts daran, dass viele Staaten Kernenergie als Bestandteil ihrer künftigen Energieversorgung vorsehen. Für Europa stellt sich deshalb die Frage, welchen Anteil seine Industrie an deren Umsetzung haben wird.
Die weltweite Entwicklung der Kernenergie ist keineswegs frei von Schwierigkeiten. Die entscheidende industriepolitische Frage lautet jedoch, ob Europa bereit ist, die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Beteiligung an diesem Markt zu schaffen.
Denn wer heute seine kerntechnischen Fähigkeiten aufgibt, wird morgen kaum noch mitentscheiden können, wie diese Technologie international weiterentwickelt und eingesetzt wird.