Wie kann Europa seine industrielle Wettbewerbsfähigkeit stärken, die Energieversorgung sichern und gleichzeitig die Dekarbonisierung vorantreiben? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des KernD-Verbandstags am 21. Mai 2026 in Berlin. Unter dem Leitmotto „Industrie der Zukunft“ diskutierten Vertreter aus Industrie, Forschung, Politik und europäischen Nuklearverbänden über die Zukunft der Kerntechnik und die Rolle Deutschlands in einer sich wandelnden europäischen Energielandschaft.
Deutsche Kompetenz bleibt gefragt
In seiner Eröffnungsrede betonte Dr. Martin Pache, dass Energieversorgung, technologische Souveränität und industrielle Leistungsfähigkeit zunehmend zu strategischen Standortfaktoren werden. Nicole Koch unterstrich die Bedeutung der gesamten kerntechnischen Wertschöpfungskette, die weit über die Stromerzeugung hinausreicht und unter anderem Isotopenanwendungen, Brennstoffkreislauf, Rückbau, Entsorgung, neue Reaktorkonzepte und Fusion umfasst.
Eine besondere Botschaft übermittelte Rafael Mariano Grossi, Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA), per Video: Deutschlands kerntechnische Expertise bleibt auch nach dem Ausstieg aus der kommerziellen Kernenergie von internationaler Bedeutung.
Mit WIKA, MolAquaTech und FERMI Industriekraft begrüßte KernD zudem drei neue Mitgliedsunternehmen.
Vier Panels, zahlreiche europäische Perspektiven
Europe is rebuilding
Wie kann Europa seine kerntechnische Wertschöpfungskette stärken und den wachsenden Bedarf an industriellen Kompetenzen decken? Darüber diskutierten Hidde Baars (Nucleair Nederland), Carl Berglöf (Swedish Ministry of Climate and Enterprise) und Dr. Martin Pache (Westinghouse Electric Germany). Im Mittelpunkt standen europäische Neubauprogramme, industrielle Lieferketten und die Rolle deutscher Unternehmen als Technologie- und Engineering-Partner.
SMR als europäisches Industrieprojekt
Mit Kalev Kallemets (Fermi Energia), Dr. Magnus Mori (Urenco), Tobias Ravn Thomsen (Copenhagen Atomics) und Emmanuel Brutin (nucleareurope) ging es um die Chancen und Herausforderungen kleiner modularer Reaktoren. Die Diskussion verdeutlichte, dass SMRs verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen, qualifizierte Fachkräfte und vor allem praktische Demonstrationsprojekte benötigen, um den Schritt zur industriellen Anwendung zu schaffen.
KI, Digitalisierung und Energiebedarf
In seiner Keynote beleuchtete Markus Ahorner den steigenden Energiebedarf durch Künstliche Intelligenz und Digitalisierung. Seine zentrale Botschaft: Eine wettbewerbsfähige digitale Wirtschaft ist auf eine zuverlässige, bezahlbare und klimafreundliche Energieversorgung angewiesen.
Final Disposal
Die Endlagerung und der verantwortungsvolle Umgang mit radioaktiven Abfällen standen im Mittelpunkt der Diskussion mit Mika Pohjonen (Posiva Solutions), Dagmar Dehmer (Bundesgesellschaft für Endlagerung) und Franklin Servan-Schreiber (Transmutex). Anhand internationaler Erfahrungen wurden technische Lösungen, gesellschaftliche Akzeptanz und das Potenzial neuer Technologien wie Partitionierung und Transmutation erörtert.
Acceptance & Narratives
Wie verändert sich die gesellschaftliche Wahrnehmung der Kernenergie in Europa? Atte Harjanne (Finnish Greens), Lukas Aebi (Nuklearforum Schweiz), Lukáš Janura (Botschaft der Tschechischen Republik in Deutschland) und Matthieu Euvrard (GIFEN) diskutierten über politische Rahmenbedingungen, gesellschaftlichen Dialog und die Bedeutung einer faktenbasierten Kommunikation.
Deutsch-französische Zusammenarbeit gestärkt
Ein besonderer Höhepunkt war die Unterzeichnung eines Memorandum of Understanding zwischen KernD und dem französischen Industrieverband GIFEN. Die Vereinbarung soll die Zusammenarbeit entlang der kerntechnischen Wertschöpfungskette intensivieren, den Austausch zwischen Unternehmen fördern und gemeinsame Industrie- und Innovationsprojekte unterstützen.
Gemeinsam Europas nukleare Zukunft gestalten
Der KernD-Verbandstag zeigte, wie wichtig europäische Zusammenarbeit für die Zukunft der Kerntechnik ist. Ob Neubau, SMRs, Entsorgung, Fachkräftesicherung oder gesellschaftliche Akzeptanz: Die Herausforderungen lassen sich nur gemeinsam bewältigen.
Deutschland verfügt weiterhin über umfangreiche kerntechnische Kompetenzen und kann einen wichtigen Beitrag zur europäischen Industrie der Zukunft leisten. Diese Stärken sichtbar zu machen, Unternehmen zu vernetzen und internationale Partnerschaften auszubauen, bleibt eine zentrale Aufgabe von KernD.
Ein herzlicher Dank gilt allen Referierenden, Panelteilnehmenden und Gästen sowie den Moderatoren Julian Nelson Dannhof und Dr. Laurent Hoff für die engagierten Diskussionen und den wertvollen Austausch.