{"id":9620,"date":"2026-03-23T08:58:14","date_gmt":"2026-03-23T08:58:14","guid":{"rendered":"https:\/\/kernd.de\/?page_id=9620"},"modified":"2026-03-23T13:36:25","modified_gmt":"2026-03-23T13:36:25","slug":"deutschlands-atomausstieg-ist-kein-naturgesetz","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kernd.de\/en\/deutschlands-atomausstieg-ist-kein-naturgesetz\/","title":{"rendered":"Deutschlands Atomausstieg ist kein Naturgesetz"},"content":{"rendered":"<div data-elementor-type=\"wp-page\" data-elementor-id=\"9620\" class=\"elementor elementor-9620\">\n\t\t\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-19ed0a6 elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"19ed0a6\" data-element_type=\"section\" data-e-type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-e6f7e18\" data-id=\"e6f7e18\" data-element_type=\"column\" data-e-type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-9ac00fb elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"9ac00fb\" data-element_type=\"widget\" data-e-type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<p>Am 21. M\u00e4rz 2026 ist in der Berliner Zeitung ein Gastbeitrag unserer Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin Nicole Koch erschienen. Vor dem Hintergrund der aktuellen energiepolitischen Entwicklungen in Europa pl\u00e4diert sie darin f\u00fcr eine offene, sachliche Neubewertung der Kernenergie in Deutschland.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/posts\/nicolekoch-kernd_kernenergie-energiepolitik-deutschland-activity-7441133385047216128-6stB?utm_source=share&amp;utm_medium=member_desktop&amp;rcm=ACoAACyb7KoBokwhfmhMQ3StleZzDR_0S7Mj4pk\">Auf LinkedIn lesen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kernd.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Gastbeitrag_BerlinerZeitung_21032026.pdf\">PFD des Artikels herunterladen<\/a><\/p>\n<h1>Deutschlands Atomausstieg ist kein Naturgesetz<\/h1>\n<h4>Warum Europa Kernenergie neu entdeckt &#8211; und auch wir den Mut zur Debatte wiederfinden m\u00fcssen<\/h4>\n<p>Lassen Sie mich mit einer Bitte beginnen: Versuchen Sie f\u00fcr einen Moment, sich zu \u00f6ffnen und die Perspektive zu wechseln. Manche Fragen stellt man sich nicht als Politikerin und nicht als Expertin, sondern als Mutter.<\/p>\n<p>Werden meine Kinder einmal in einem Land leben, in dem Energie zuverl\u00e4ssig zur Verf\u00fcgung steht? In dem Strom bezahlbar bleibt? In der Industrie, Forschung und Innovation weiterhin M\u00f6glichkeiten schaffen? Oder in einem Land, das seine Zukunft aufs Spiel setzt, weil es den Mut verliert, notwendige Entscheidungen zu treffen? Dabei geht es nicht nur um Energieversorgung, sondern auch um die Sicherung von Arbeitspl\u00e4tzen, den Erhalt von Forschung, Lehre und technischem Know-how sowie um wirtschaftliche Chancen f\u00fcr kommende Generationen.<br \/>Diese Fragen sind f\u00fcr mich nicht abstrakt. Sie sind pers\u00f6nlich. Und sie sind der Grund, warum ich seit mehr als zwanzig Jahren in der Kerntechnik arbeite.<\/p>\n<p>Heute leite ich den Branchenverband Kerntechnik Deutschland e.V. und die Kerntechnische Gesellschaft e.V.<\/p>\n<p>Ich bin keine Ingenieurin, keine Reaktorfahrerin und keine Kernphysikerin. Aber ich kenne dieses Feld. Ich arbeite seit zwei Jahrzehnten mit Wissenschaftlern, Ingenieuren und Fachleuten, ich lese Studien, diskutiere technische Zusammenh\u00e4nge und \u00fcbersetze sie in eine Sprache, die verst\u00e4ndlich bleibt. Ich spreche nicht an Experten vorbei, sondern mit ihnen.<br \/>Vielleicht irritiert mich deshalb besonders, wie in Deutschland \u00fcber Kernenergie gesprochen wird. Zu oft geht es nicht um Fakten, sondern um Personen. Nicht um Argumente, sondern um Abwertung. Gerade weil es um die Zukunft unseres Landes geht, ist das fatal. Was wir brauchen, ist keine Pose, keine Moralrhetorik und keine ideologischen Reflexe. Was wir brauchen, ist endlich eine n\u00fcchterne, faktenbasierte Debatte.<\/p>\n<p>Denn w\u00e4hrend Deutschland lange meinte, das Thema Kernenergie endg\u00fcltig abgeschlossen zu haben, hat sich die Welt um uns herum weiterentwickelt. Europa bewegt sich. EU-Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen bezeichnete j\u00fcngst die Abkehr von der Kernenergie als einen \u201estrategischen Fehler\u201c und stellte Ma\u00dfnahmen vor, dies zu korrigieren. Bundeskanzler Friedrich Merz erkl\u00e4rte zun\u00e4chst, er teile diese Einsch\u00e4tzung nur um kurz darauf zu behaupten, der deutsche Atomausstieg sei \u201eirreversibel\u201c, weil fr\u00fchere Regierungen ihn beschlossen h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Das mag politisch bequem sein, sachlich ist es schlicht falsch. In einer Demokratie ist kaum etwas unumkehrbar. Gesetze k\u00f6nnen ge\u00e4ndert werden. Genau das ist der Kern parlamentarischer Politik. Wer etwas anderes behauptet, will keine Debatte f\u00fchren, sondern sie beenden. Doch die Debatte findet l\u00e4ngst statt. Bei unseren Nachbarn in Europa und zunehmend auch in Deutschland.<\/p>\n<p>In vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern wird heute sehr pragmatisch dar\u00fcber gesprochen, wie eine sichere, klimafreundliche und bezahlbare Energieversorgung aussehen kann. Polen baut seine erste Kernkraftwerksflotte auf. Schweden plant zus\u00e4tzliche Reaktoren. Gro\u00dfbritannien investiert in neue Anlagen ebenso wie in kleine modulare Reaktoren. Frankreich verl\u00e4ngert Laufzeiten und baut neue Kapazit\u00e4ten. Belgien hat seinen Ausstieg revidiert. Die Niederlande, Tschechien, Rum\u00e4nien, Slowenien und Bulgarien investieren ebenfalls. Selbst L\u00e4nder wie D\u00e4nemark, Italien und die Schweiz pr\u00fcfen wieder offen den Einsatz der Kernenergie. Kurz gesagt: Deutschland und \u00d6sterreich sind zunehmend allein auf weiter Flur mit ihrer kategorischen Ablehnung.<br \/>Viele Staaten stehen vor denselben Herausforderungen wie wir: steigende Energiepreise, geopolitische Unsicherheiten und die Notwendigkeit, CO\u2082-Emissionen drastisch zu senken. Kernenergie erf\u00fcllt dabei drei Eigenschaften, die f\u00fcr moderne Energiesysteme entscheidend sind: Sie ist CO\u2082-arm, sie liefert zuverl\u00e4ssig Strom und sorgt so f\u00fcr die dringend notwendige Grundlast, und sie kann langfristig stabile Strompreise erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Erneuerbare Energien sind und bleiben ein zentraler Bestandteil der Energiewende. Aber mit ihrem steigenden Anteil wird auch deutlich, dass ein Energiesystem, das ausschlie\u00dflich auf wetterabh\u00e4ngige Energiequellen setzt, enorme Anforderungen an Netze, Speicher und Backup-Kapazit\u00e4ten stellt. Viele europ\u00e4ische Staaten ziehen daraus eine pragmatische Schlussfolgerung: Sie kombinieren erneuerbare Energien mit Kernenergie.<\/p>\n<p>Ein weiterer Aspekt gewinnt dieser Tage zunehmend an Bedeutung: die Resilienz unseres Energiesystems. Der massive Ausbau von Wind- und Solarenergie erfordert gro\u00dfe Mengen an Metallen und Spezialmaterialien, deren Produktion heute stark in wenigen L\u00e4ndern konzentriert ist. In Deutschland wird dar\u00fcber erstaunlich wenig gesprochen, obwohl diese Abh\u00e4ngigkeiten die Resilienz unseres Energiesystems erheblich beeinflussen. Kernenergie wirkt hier stabilisierend. Sie ben\u00f6tigt vergleichsweise wenig Rohstoffe und liefert kontinuierlich Energie. Hinzu kommt die hohe Energiedichte des Brennstoffs. Uran kann weltweit zuverl\u00e4ssig bezogen und \u00fcber Jahre gelagert werden. Strategische Vorr\u00e4te sind m\u00f6glich, ein sehr wichtiger Faktor in einer geopolitisch unsicheren Welt.<\/p>\n<p>Besonders viel Aufmerksamkeit erhalten international derzeit sogenannte Small Modular Reactors (SMR). Diese Reaktoren sind deutlich kleiner als klassische Kernkraftwerke und werden weitgehend industriell vorgefertigt. Das erm\u00f6glicht standardisierte Fertigung, k\u00fcrzere Bauzeiten und geringere Kosten pro Anlage.<br \/>SMR k\u00f6nnen nicht nur Strom erzeugen, sondern auch W\u00e4rme f\u00fcr industrielle Prozesse und Wasserstoff bereitstellen, was einen entscheidenden Vorteil f\u00fcr ein industrielles Land wie Deutschland darstellt.<\/p>\n<p>Hinzu kommt ein industriepolitischer Punkt, der in der deutschen Debatte leider zu selten angesprochen wird. Deutschland verf\u00fcgt weiterhin \u00fcber erhebliche Kompetenzen in der Kerntechnik, von der Zentrifugenherstellung und der Urananreicherung \u00fcber die Brennelementfertigung bis hin zu hochspezialisierter Komponentenproduktion sowie Mess- und Regeltechnik. Diese Kompetenzen sind weltweit im Einsatz, deutsche Technik ist international gefragt. Deutsche Unternehmen sind nach wie vor erfolgreiche Zulieferer f\u00fcr internationale Reaktorprogramme. Zu Recht! Denn \u00fcber Jahrzehnte geh\u00f6rten unsere Anlagen zu den leistungsst\u00e4rksten der Welt. Wir waren mehrfach Weltmeister in der Stromproduktion und sind in unserem Fach echte Champions. Auch beim Thema Sicherheit gilt Deutschland international als Vorbild. Dieses Wissen und diese Erfahrungen sind ein industrieller Schatz, der nicht einfach verschwinden darf, sondern genutzt und weiterentwickelt werden sollte.<\/p>\n<p>Auch Universit\u00e4ten und Forschungseinrichtungen sind erfolgreich in internationale Programme eingebunden und tragen zur Entwicklung nuklearer Technologien in Europa und dem Rest der Welt bei. Mit anderen Worten: Deutschland verf\u00fcgt noch immer \u00fcber einen gro\u00dfen Teil der industriellen Wertsch\u00f6pfungskette, die f\u00fcr moderne Kerntechnologien ben\u00f6tigt wird. Doch dieses Know-how bleibt nicht von selbst erhalten.<\/p>\n<p>Denn wenn Deutschland weiter wider besseres Wissen auf seinem Ausstiegsbeschluss bestehen bleibt, besteht die Gefahr, dass auch diese Kompetenzen schrittweise verloren gehen. Denn wenn die Wurzel einmal abgeschnitten ist, stirbt auch die Pflanze dar\u00fcber ab. Dabei profitiert unsere Wirtschaft selbst dann, wenn es kurzfristig keinen politischen Wiedereinstieg gibt. Als Zulieferer f\u00fcr internationale Reaktorprogramme.<\/p>\n<p>Deshalb braucht Deutschland nun einen umfassenden Ansatz. Eine zukunftsorientierte Energie- und Technologiepolitik sollte Kernenergie nicht eindimensional betrachten, sondern eine zweigleisige Strategie verfolgen: die Entwicklung und Nutzung von SMR in m\u00f6glichst naher Zukunft und langfristig die F\u00f6rderung der Kernfusion. Beide Technologien m\u00fcssen zur Chefsache gemacht und ebenso konsequent unterst\u00fctzt werden, damit sie so schnell wie m\u00f6glich zur Verf\u00fcgung stehen.<br \/>Beide Technologien bauen im \u00dcbrigen auf demselben wissenschaftlichen Fundament auf und erg\u00e4nzen sich hervorragend. SMR k\u00f6nnten bereits in den 2030er Jahren einen Beitrag zur Energieversorgung leisten. Kernfusion hingegen wird voraussichtlich erst in der Zeit nach 2040 kommerziell verf\u00fcgbar sein. Kerntechnische Expertise von heute sichert die Industrialisierung der Fusion von morgen.<\/p>\n<p>Bevor Deutschland diese Debatte weiterf\u00fchrt, lohnt sich ein Blick auf einige besonders hartn\u00e4ckige Irrt\u00fcmer. Uran kann man keineswegs nur in Russland beziehen. Gro\u00dfe Vorkommen existieren etwa in Kanada und Australien, weitere bedeutende Reserven gibt es in Kasachstan, Afrika und S\u00fcdamerika.<\/p>\n<p>Beim Thema Endlager lohnt es sich ebenfalls, \u00fcber den deutschen Tellerrand zu blicken. Dass Deutschland bislang kein Endlager betreibt, liegt wesentlich an politischen Entscheidungen. Technisch sind sichere L\u00f6sungen l\u00e4ngst verf\u00fcgbar und Standortauswahlverfahren wurden erfolgreich abgeschlossen. Finnland geht voran und nimmt sein Endlager noch in diesem Jahr in Betrieb. <br \/>In Frankreich, der Schweiz und Schweden wurden Standorte ausgew\u00e4hlt, und es bestehen sehr gute Umsetzungsperspektiven f\u00fcr Endlager.<\/p>\n<p>Auch die Finanzierung der Entsorgung in Deutschland ist geregelt. Mit dem 2017 eingerichteten Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung (KENFO) haben die Betreiber der deutschen Kernkraftwerke rund 24 Milliarden EUR in eine \u00f6ffentlich-rechtliche Stiftung des Bundes eingezahlt. Aus diesem Fonds werden Zwischen- und Endlagerung finanziert und nicht, wie h\u00e4ufig behauptet, von der Allgemeinheit. Im \u00dcbrigen w\u00e4re im Zweifel gar kein Endlager in diesem Umfang erforderlich. Bereits verwendete Brennelemente sind kein Abfall, sondern ein wertvoller Rohstoff, der schon in naher Zukunft weiterverwendet werden k\u00f6nnte, wenn man es denn wollte.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann Kernenergie nicht alle Probleme auf dieser Welt l\u00f6sen. Keine Technologie kann das. Eine \u201eeierlegende Wollmilchsau\u201c gibt es schlichtweg nicht. Die entscheidende Frage aber lautet vielmehr: K\u00f6nnen wir es uns leisten, eine funktionierende CO\u2082-arme und grundlastf\u00e4hige Technologie vollst\u00e4ndig auszuschlie\u00dfen? Die meisten europ\u00e4ischen Staaten um uns herum beantworten diese Frage mit einem klaren \u201eJa zur Kernenergie\u201c.<\/p>\n<p>Deutschland sollte zumindest den Mut haben, sie sich ehrlich zu stellen. Nicht ideologisch, sondern pragmatisch. Denn Energiepolitik entscheidet \u00fcber weit mehr als Strompreise. Sie entscheidet \u00fcber industrielle Wertsch\u00f6pfung, \u00fcber Versorgungssicherheit und \u00fcber die wirtschaftliche Zukunft unseres Landes. Europa hat begonnen, diese Realit\u00e4t neu zu bewerten. Deutschland sollte sich dieser Debatte nicht l\u00e4nger entziehen.<\/p>\n<p>Und vielleicht lohnt es sich, diese Frage auch einmal aus der Perspektive einer Mutter zu betrachten, die sich w\u00fcnscht, dass ihre Kinder in einem Land aufwachsen, das seine Zukunft gestaltet und nicht v\u00f6llig unn\u00f6tig aufs Spiel setzt.<\/p>\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 21. M\u00e4rz 2026 ist in der Berliner Zeitung ein Gastbeitrag unserer Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin Nicole Koch erschienen. Vor dem Hintergrund der aktuellen energiepolitischen Entwicklungen in Europa pl\u00e4diert sie darin f\u00fcr eine offene, sachliche Neubewertung der Kernenergie in Deutschland. 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